Christmas down under
vor 20 Jahren irgendwo am anderen Ende der Welt
besuchte ich meine Großtante Gerda im sonnigen weihnachtlichen Australien – Christmas in down under. Tante Gerda hatte kurz vor Weihnachten Geburtstag.
Tante Gerda erzählte mir viele Familiengeschichten, die ansonsten immer in Vergessenheit geraten würden. Unter anderem erzählte sie mir Geschichten meiner Mama und meiner eigenen Großeltern, die ich noch nicht kannte.
Tante Gerda kam ursprünglich aus Berlin, bevor es sie im zweiten Weltkrieg ins südliche Niederösterreich verschlug, wo sie meinen Großonkel zweiten Grades – Onkel Peter – kennenlernte. Letztendlich wanderte Tante Gerda mit Sack und Pack, ihren drei Kindern und Onkel Peter in den 1950er Jahren nach Australien aus, wo sie sich eine neue Existenz aufbauen konnten. Sie hielt die Nicht-Vergangenheitsbewältigung in Österreich nicht aus.
Mit viel Fleiß und Bedacht konnten Tante Gerda und Onkel Peter ihren Kindern ein neues Zuhause schaffen und ihnen eine gute schulische Ausbildung ermöglichen.
Ich lernte Tante Gerda 1981 kennen, als sie nach Wien kam. Tante Gerda bereiste die Welt und besuchte so oft sie konnte good old Europe, um ihre zahlreichen Verwandten und Bekannten wieder zu sehen. Zudem schrieb sie regelmäßig.
Ich freute mich jedes Mal eines ihrer Aerogramme in Händen zu halten und Nachrichten vom anderen Ende der Welt lesen zu können. Sie freute sich über Post, genauso wie Onkel Peter. Onkel Peter sammelte bis zu seinem zu frühen Tod Briefmarken.
Fein säuberlich löste er die Briefmarken von den Kuverts und klebte diese bis zu seinem zu frühen Tod in eines seiner zahlreichen Briefmarken-Alben. Onkel Peter erkrankte an Dickdarmkrebs, obwohl er nie rauchte, Alkohol trank und nicht übermäßig gegessen hatte. Onkel Peter war stets rank und schlank gewesen.
Trotz Operationen und Chemotherapie kam leider jede Hilfe zu spät.
Die medizinische Behandlung kostete Tante Gerda und ihren drei Kindern das gemeinsame Haus und Garten. Wie Albert Camus‘ Sisyphos behielt Tante Gerda unbeirrbar Contenance. Nichts konnte sie aus der Ruhe bringen oder ihr die Lebensfreude nehmen. Tante Gerda begann ein zweites Mal mit Nichts. Nichtsdestotrotz konnte sie sich bis zu ihrer Pension einen bescheiden Wohlstand erarbeiten.
Ihr Lebensende wollte Tante Gerda in einem Retirement Village nahe Brisbane verbringen. Das Retiremant Village lag direkt an der Küste in einem Wald. Der Wald spendete Schatten und eine Prise vom Meer sorgte selbst an sehr heißen Tagen für zusätzliche Abkühlung. Trotz teilweise extrem hoher Außentemperaturen in Australien waren in den Häusern im Retiremant Village keine Klimaanlagen notwendig.
Das Retirement Village bot auch eine komplette medizinische Versorgung, die es den älteren Menschen ermöglichte, dort bis zum Schluss ihren Lebensabend zu verbringen, ohne nochmals umziehen zu müssen – „entwurzelt zu werden“. Neben einem flexiblen housekeeping-service, der seines Gleichen sucht, wurde auch eine komplette medizinische Versorgung geboten: von ärztlichen Konsultationen on demand bis hin zur Rund-um-die Uhr-Betreuung im angeschlossenen Pflegeheimtrakt und Palliativstation.
Meine Tante ließ sich nur von Zeit zu Zeit beim Fenster putzen helfen und größere Einkäufe erledigen. Ansonsten fuhr sie regelmäßig und mehrmals die Woche mit dem Bus zur nächstgelegenen Ortschaft, um ihre Einkäufe zu tätigen. Als ich erstmals in den Bus einstieg, wusste der Busfahrer – ich glaube, er hieß Sam und hatte Wurzeln aus Polen – bereits, dass ich der grandson von Aunt Gerda from Europe war.

Foto: Tante Gerda (c) 2005 – 2025, fahmy.blog
Das Foto, eigentlich Diapositiv, entstand 2005 mit meiner uralten Spiegelreflexkamera im Garten des kleinen Hauses meiner Tante Gerda nahe Brisbane in Australien.
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leider habe ich nur mehr ein paar andere Fotos, da ein paar meiner Diafilme die Reise nicht unbeschadet „überlebt“ haben…






















Auch Tante Gerda hatte fotografiert. Zeit ihres Lebens hatte sie stets ihre Kamera bei sich. Viele hunderte Fotos, die allermeisten davon in schwarz-weiß hatte sie mir überlassen.
Sie erzählen die Geschichte von der Zeit nach dem Krieg, der Auswanderung und Neubeginn in einer neuen Welt.
Aber dies ist eine andere Geschichte.
Ihr
fahmy.blog
P.S. meine Tante Gerda durfte noch über 100 Jahre alt werden. Bis zum Schluss war sie geistig rege, weltoffen, aber sehr differenziert. Es war mehr als interessant, ihrer Lebensgeschichte zu lauschen und ihre Lebenserfahrung erahnen zu dürfen.
P.P.S. ich hätte Tante Gerda gerne noch einmal gesehen und mit ihr Zeit verbringen wollen. Sie wird immer Teil meiner Erinnerungen sein. Sie fehlt mir.
Die Zeit fliegt dahin – tempus fugit.

Ilse Lentner
11/01/2026 @ 17:33
Mit großen Interesse habe ich ihre „Familiengeschichte“ gelesen. Für mich ist es auch wichtig wenn meine Kinder über ihre Herkunft Bescheid wissen.Sie haben mir eine Anregung gegeben, fam. Geschehnisse ( vom 2. Weltkrieg etc.) nicht nur zu erzählen sondern auch niederzuschreiben damit sie nicht in Vergessenheit geraten!
Mit freundlichen Grüßen
Ilse Lentner
fahmy.blog
17/01/2026 @ 21:08
Sehr geehrte Frau Lentner,
vielen besten Dank für Ihren Kommentar.
Leider kann ich nur viel zu selten hier in meinenm Blog schreiben. Ich genieße das Schreiben der Beiträge und Bearbeiten der Fotos aber sehr, da es mich zurücklehnen, nachdenken und meine Gedanken und Erinnerungen ordnen und sehr oft auch schmunzeln lässt. Das Schreiben entschleunigt.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Niederschreiben Ihrer eigenen Erlebnisse.
Herzliche Grüße,
Fahmy Aboulenein-Djamshidian | fahmy.blog